Re: Heute vor 70 Jahren griif Sowjetunion Polen an
Verfasst: 09 Nov 2011, 06:39
Hallo zusammen!
Aus Zeitmangel kann ich mich jetzt nicht zu diesen vielen interessanten Beiträgen äußern.
Ganz entschieden möchte ich aber den Meinungsäußerungen entgegen treten, die so ungefähr lauten: "Lasst uns die Geschichte vergessen! Kümmert Euch um die Zukunft!"
Solche Parolen hören sich erstmal ganz komfortabel an, aber sie sind genauso unrealistisch wie die Idee: "Lasst uns den Elbrus besteigen, aber ohne Rucksack bitte!" Auf solche Sprüche kann man wahrscheinlich nur kommen, wenn man wie der durchschnittliche deutsche Abiturient neuer Zeitrechnung gut zu labern und Kreuzchen zu machen gelernt, sonst aber keinen blassen Schimmer hat. Und wenn man ein egozentrisches, halbwegs materialistisches Weltbild hat: "Mir schmeckt's; was kümmert mich der Nachbar."
Geschichte und Geographie sind Fakten, die sich im Grunde täglich auf uns auswirken. Zwar können sie kaum objektiv dargestellt werden, sondern werden von unterschiedlichen Völkern, sozialen Schichten, Religionsgruppen, Wirtschaftskräften, Politikern usw. unterschiedlich gesehen und unterschiedlich bewertet. Aber Geschichte und Geographie kann man sich nicht wegträumen; sie bleiben da und entfalten ihre Wirkung, ob der Einzelne es möchte oder nicht. Natürlich werden sie auch für Machtinteressen mißbraucht, und deswegen lernten und lernen über diese Dinge alle Schüler dieser Welt 'gefärbte' Informationen. Schon immer galt ja der Satz: "Was Recht und Wahrheit ist, bestimmt der Sieger."
Ich bringe mal ein paar Beispiele:
(1)
Direkt in unserer Nachbarschaft, in unserem schönen sonnigen Urlaubseuropa, mit dem Auto bequem an einem Tag zu erreichen, hat sich vor knapp 20 Jahren ein Bürgerkrieg von der brutaleren Sorte abgespielt. Die gleichen netten Leute, die bei uns als Putzfrau gearbeitet und uns dort im Urlaubshotel bedient haben, haben im zerfallenden Jugoslawien gemordet, vergewaltigt, gefoltert und gebrandschatzt. Unter Tito durften sie es nicht, aber noch jetzt schwelt der Konflikt vor sich hin. Warum machen moderne Leute sowas, nachdem sie 50 Jahre friedlich zusammengelebt haben? Weil in den Familien beim Sonntagsnachmittagskaffee gesagt wurde: "Ach ist das schön, zusammen im Garten zu sitzen. Schade, dass Oma Marija nicht bei uns sein kann, aber die ist ja 44 von den Kroaten ermordet worden." "Nein, das waren keine Kroaten, das waren Albaner." "Na ja, kann auch sein. Jedenfalls sind es keine rechtgläubigen Christen gewesen."
Eigentlich kennen wir unsere Omas und Opas als rechtschaffene, gemütliche Leute. Warum hat 44 irgendein fremder Opa die Oma Marija umgebracht? Weil der sich beim Familienkaffee in den 1920er Jahren anhören musste, dass jemand aus dem Land von Oma Marija seinen Onkel Bogdan hinterrücks ermordet hat, der harmlos sein Pfeifchen rauchend in k.u.k.- Uniform herumgelaufen ist. Der Mörder hatte persönlich nichts gegen Bogdan, aber es gab da noch eine offene Rechnung aus den Balkankriegen 1912/1913. Hat man nicht gehört, dass die Vorfahren der moslemischen Nachbarsfamilie schon seit Sechzehnhundertsoundso in der osmanischen Armee gekämpft hatten? Solche Leute dulden wir nicht. Bringen wir sie auch gleich um. Und so geht das Erinnern in den Familien rückwärts und rückwärts und rückwärts und landet irgendwann bei der Schlacht auf dem Amselfeld.
Sowas lässt sich nicht wie mit dem Lichtschalter ausknipsen. Auch wenn der brave Deutsche Legoklötzchen und Scheckbuch zur Hand nimmt, um sich auf das Bauen der Zukunft zu konzentrieren, geht das Hassen in den Ländern rund um uns herum unbeeindruckt weiter. Sowas muss man einfach wissen, auch wenn man selbst nicht mitmacht.
(2)
Ich kenne seit vielen Jahrzehnten eine ältere polnische Dame mit deutschfreundlicher Gesinnung. Als das sozialistische System zusammenbrach, meinte sie, der Westen müsse ihrem Land mit Kapital und Erfahrung helfen, sich im unbekannten kapitalistischen System zurechtzufinden. So geschah es dann auch, aber mit dem Ergebnis, dass fast alle bedeutenden Unternehmen und Immobilien in ausländisches Eigentum übergegangen sind. Polen konnten mit ihren geringen Mitteln oft nur wirtschaftlich weniger Attraktives erwerben. Und plötzlich gab es Massenarbeitslosigkeit. So hatte sich die gute Frau die neue Zeit nicht vorgestellt, und prompt war die Erinnerung an die polnischen Teilungen vor 200 Jahren wieder lebendig. Nur dass diesmal die Eroberer nicht mit Kanonen, sondern mit Scheckbüchern kamen.
Objektiv floriert das Land heute, aber subjektiv fühlt sich der normale Pole wieder fremdbestimmt, fällt - wenn älter als ca. 35 Jahre - blindlings auf katholisch-nationalistische Propaganda herein und wittert Pest und Cholera hinter alles, was aus Deutschland oder Russland kommt (z.B. die Ostsee-Pipeline). Sehr gut zu erkennen ist das an der Hysterie um alles, was mit einer gewissen Erika Steinbach in Verbindung gebracht werden kann. Die Dame war in Deutschland fast unbekannt und ohne politischen Einfluss, bis sie von gewissen polnischen Kreisen als aggressive Germania hochstilisiert worden ist.
Auch hier wieder: Was bringt es uns, wenn wir uns auf den Bau der friedlichen Zukunft konzentrieren, aber die Nachbarn machen nicht mit.
(3)
Die Erinnerung an Alexander Newski (1242, Peipussee) wird in Russland sehr hochgehalten. In Polen kennt jeder die Schlacht bei Grunwald / Tannenberg 1410. Die Polen haben 2010 zum 600-jährigen Jubiläum eine riesige Veranstaltung organisiert. In Russland und Polen gehören solche Gestalten und Ereignisse zum lebendigen, tief empfundenen Volksgefühl.
Uns Deutschen erscheint sowas vielleicht ziemlich anachronistisch und propagandistisch. Wer von uns Deutschen kennt noch die Düppeler Schanzen, die Kanonade von Valmy oder die Schlacht bei Leuthen, ganz zu schweigen von Ereignissen vor 600 oder 800 Jahren? Wer weiss noch, dass Belgien bis vor 200 Jahren zu Österreich gehörte?
Aber wie können wir in Zukunft friedlichen Umgang mit unseren Nachbarn pflegen, wenn wir nicht verstehen, welche historischen Gefühle sie mit sich rumtragen, auch wenn sie diese uns gegenüber nicht immer raushängen lassen.
Tja, das waren wieder mal ein paar unmaßgebliche Gedanken von:
Armin
Aus Zeitmangel kann ich mich jetzt nicht zu diesen vielen interessanten Beiträgen äußern.
Ganz entschieden möchte ich aber den Meinungsäußerungen entgegen treten, die so ungefähr lauten: "Lasst uns die Geschichte vergessen! Kümmert Euch um die Zukunft!"
Solche Parolen hören sich erstmal ganz komfortabel an, aber sie sind genauso unrealistisch wie die Idee: "Lasst uns den Elbrus besteigen, aber ohne Rucksack bitte!" Auf solche Sprüche kann man wahrscheinlich nur kommen, wenn man wie der durchschnittliche deutsche Abiturient neuer Zeitrechnung gut zu labern und Kreuzchen zu machen gelernt, sonst aber keinen blassen Schimmer hat. Und wenn man ein egozentrisches, halbwegs materialistisches Weltbild hat: "Mir schmeckt's; was kümmert mich der Nachbar."
Geschichte und Geographie sind Fakten, die sich im Grunde täglich auf uns auswirken. Zwar können sie kaum objektiv dargestellt werden, sondern werden von unterschiedlichen Völkern, sozialen Schichten, Religionsgruppen, Wirtschaftskräften, Politikern usw. unterschiedlich gesehen und unterschiedlich bewertet. Aber Geschichte und Geographie kann man sich nicht wegträumen; sie bleiben da und entfalten ihre Wirkung, ob der Einzelne es möchte oder nicht. Natürlich werden sie auch für Machtinteressen mißbraucht, und deswegen lernten und lernen über diese Dinge alle Schüler dieser Welt 'gefärbte' Informationen. Schon immer galt ja der Satz: "Was Recht und Wahrheit ist, bestimmt der Sieger."
Ich bringe mal ein paar Beispiele:
(1)
Direkt in unserer Nachbarschaft, in unserem schönen sonnigen Urlaubseuropa, mit dem Auto bequem an einem Tag zu erreichen, hat sich vor knapp 20 Jahren ein Bürgerkrieg von der brutaleren Sorte abgespielt. Die gleichen netten Leute, die bei uns als Putzfrau gearbeitet und uns dort im Urlaubshotel bedient haben, haben im zerfallenden Jugoslawien gemordet, vergewaltigt, gefoltert und gebrandschatzt. Unter Tito durften sie es nicht, aber noch jetzt schwelt der Konflikt vor sich hin. Warum machen moderne Leute sowas, nachdem sie 50 Jahre friedlich zusammengelebt haben? Weil in den Familien beim Sonntagsnachmittagskaffee gesagt wurde: "Ach ist das schön, zusammen im Garten zu sitzen. Schade, dass Oma Marija nicht bei uns sein kann, aber die ist ja 44 von den Kroaten ermordet worden." "Nein, das waren keine Kroaten, das waren Albaner." "Na ja, kann auch sein. Jedenfalls sind es keine rechtgläubigen Christen gewesen."
Eigentlich kennen wir unsere Omas und Opas als rechtschaffene, gemütliche Leute. Warum hat 44 irgendein fremder Opa die Oma Marija umgebracht? Weil der sich beim Familienkaffee in den 1920er Jahren anhören musste, dass jemand aus dem Land von Oma Marija seinen Onkel Bogdan hinterrücks ermordet hat, der harmlos sein Pfeifchen rauchend in k.u.k.- Uniform herumgelaufen ist. Der Mörder hatte persönlich nichts gegen Bogdan, aber es gab da noch eine offene Rechnung aus den Balkankriegen 1912/1913. Hat man nicht gehört, dass die Vorfahren der moslemischen Nachbarsfamilie schon seit Sechzehnhundertsoundso in der osmanischen Armee gekämpft hatten? Solche Leute dulden wir nicht. Bringen wir sie auch gleich um. Und so geht das Erinnern in den Familien rückwärts und rückwärts und rückwärts und landet irgendwann bei der Schlacht auf dem Amselfeld.
Sowas lässt sich nicht wie mit dem Lichtschalter ausknipsen. Auch wenn der brave Deutsche Legoklötzchen und Scheckbuch zur Hand nimmt, um sich auf das Bauen der Zukunft zu konzentrieren, geht das Hassen in den Ländern rund um uns herum unbeeindruckt weiter. Sowas muss man einfach wissen, auch wenn man selbst nicht mitmacht.
(2)
Ich kenne seit vielen Jahrzehnten eine ältere polnische Dame mit deutschfreundlicher Gesinnung. Als das sozialistische System zusammenbrach, meinte sie, der Westen müsse ihrem Land mit Kapital und Erfahrung helfen, sich im unbekannten kapitalistischen System zurechtzufinden. So geschah es dann auch, aber mit dem Ergebnis, dass fast alle bedeutenden Unternehmen und Immobilien in ausländisches Eigentum übergegangen sind. Polen konnten mit ihren geringen Mitteln oft nur wirtschaftlich weniger Attraktives erwerben. Und plötzlich gab es Massenarbeitslosigkeit. So hatte sich die gute Frau die neue Zeit nicht vorgestellt, und prompt war die Erinnerung an die polnischen Teilungen vor 200 Jahren wieder lebendig. Nur dass diesmal die Eroberer nicht mit Kanonen, sondern mit Scheckbüchern kamen.
Objektiv floriert das Land heute, aber subjektiv fühlt sich der normale Pole wieder fremdbestimmt, fällt - wenn älter als ca. 35 Jahre - blindlings auf katholisch-nationalistische Propaganda herein und wittert Pest und Cholera hinter alles, was aus Deutschland oder Russland kommt (z.B. die Ostsee-Pipeline). Sehr gut zu erkennen ist das an der Hysterie um alles, was mit einer gewissen Erika Steinbach in Verbindung gebracht werden kann. Die Dame war in Deutschland fast unbekannt und ohne politischen Einfluss, bis sie von gewissen polnischen Kreisen als aggressive Germania hochstilisiert worden ist.
Auch hier wieder: Was bringt es uns, wenn wir uns auf den Bau der friedlichen Zukunft konzentrieren, aber die Nachbarn machen nicht mit.
(3)
Die Erinnerung an Alexander Newski (1242, Peipussee) wird in Russland sehr hochgehalten. In Polen kennt jeder die Schlacht bei Grunwald / Tannenberg 1410. Die Polen haben 2010 zum 600-jährigen Jubiläum eine riesige Veranstaltung organisiert. In Russland und Polen gehören solche Gestalten und Ereignisse zum lebendigen, tief empfundenen Volksgefühl.
Uns Deutschen erscheint sowas vielleicht ziemlich anachronistisch und propagandistisch. Wer von uns Deutschen kennt noch die Düppeler Schanzen, die Kanonade von Valmy oder die Schlacht bei Leuthen, ganz zu schweigen von Ereignissen vor 600 oder 800 Jahren? Wer weiss noch, dass Belgien bis vor 200 Jahren zu Österreich gehörte?
Aber wie können wir in Zukunft friedlichen Umgang mit unseren Nachbarn pflegen, wenn wir nicht verstehen, welche historischen Gefühle sie mit sich rumtragen, auch wenn sie diese uns gegenüber nicht immer raushängen lassen.
Tja, das waren wieder mal ein paar unmaßgebliche Gedanken von:
Armin

