paramecium hat geschrieben: 24 Dez 2020, 15:17
Was ist denn deine Erklärung für Nawalnys Vergiftung und die Umstände?
Danke für die Frage.
Ich habe keine Erklärung.
Nur schließe ich Putin oder den Staatsapparat aus; Navalny war ein Ventil, letztendlich ein Instrument des Staates um gewissen Gruppen die Simulation von Freiheit zu gewähren. Dem Staat nützt dieser Vorfall wohl am wenigsten.
Wenn die Täter tatsächlich russische Agenten waren, dann haben sie -wie damals schon Oliver North in der Iran-Contra-Sache- ihr eigenes Ding gedreht;
Putin hängt zwar in jeder Amtsstube, aber er sitzt halt nicht in jeder.
Wahrscheinlicher sind aus meiner Sicht drei mögliche Szenarien:
1. Ein angepisster Oligarch hat zurückgeschlagen
2. Es ist eine komplette Räuberpistole
3. Ein ausländischer Geheimdienst will Russland maximal schaden und hat die Sache inszeniert, mit oder ohne Beteiligung von Navalny.
Für alle drei Varianten finden sich eine Menge von Argumenten, aber alles ist und bleibt Spekulation. Daher halte ich mich an das, was das Opfer dazu sagt - und das Opfer ist hier keinesfalls der (durch Wunderheilung komplett genesene und wieder putzmuntere) Navalny, sondern der russische Staat.
paramecium hat geschrieben: 24 Dez 2020, 15:17
Wie bringst du Dauerüberwachung des Geheimdienstes (inklusive Chemiker und Ärzte)
Ich war bislang ca. 40 mal in Russland.
Vieles dort funktioniert anders. Besser, schlechter - wer will das entscheiden? Aber Überwachung ist dort nunmal ein Teil des Ganzen - ich selbst hatte bereits zweimal eine Beschattung bemerkt; und für mich ist es ok, dass der Staat seine Bürger beschützt.
Navalny hat Feinde. Ich verstehe, dass man Navalny bewacht und folgt, einfach um ihn zu beschützen. Aber ich gehe davon aus, dass Navalny darüber bescheid wusste - weil wenn selbst ich die Schatten bemerkt habe, wie blind muss Navalny und sein Team sein? Wer glaubt sowas, dass eine Überwachung (immer das gleiche Team, über Jahre hinweg) unentdeckt bleibt. Navalny war eingeweiht und wird zugestimmt haben - es waren seine staatlichen Bodygards.
paramecium hat geschrieben: 24 Dez 2020, 15:17
eine nachgewiesene Nowitschok-Vergiftung
Nein, genau das stimmt eben nicht. Ich zitiere einfach mal Wikipedia, obwohl das eigentlich keine seriöse Quelle mehr ist:
"
Die von der OPCW benannten Labore kamen nach ihren Untersuchungen zu dem Schluss, die Biomarker des Cholinesterasehemmers in Alexei Nawalnys Blut- und Urinproben hätten ähnliche strukturelle Eigenschaften ..."
Ähnlich ist nicht identisch, sondern halt nur ähnlich. Man quantifiziert auch nicht die Ähnlichkeit.
Beispiel: Wasser und Benzin haben auch ähnliche strukturelle Eigenschaften.
Warum so ungenau?
Weiter:
"
Die russische Agentur RIA teilte hingegen mit, es sei „keine verbotene Substanz“ gefunden worden. Nach Darstellung der NZZ trifft dies nur insofern zu, als dass die neuartige Form des Nervengifts „bisher nicht bekannt und entsprechend auch noch nicht verboten war“."
Doch nicht Novitschok, sondern ein neues Nervengift? Wie jetzt?
Weiter:
"
Am 14. Oktober erklärte Marc-Michael Blum von der OPCW, bei Bioproben mit so niedriger Konzentration könne man „keinerlei Signaturen feststellen, die einen Abgleich mit einer Referenzprobe ermöglichen würde.“ Rückschlüsse aus der chemischen Analytik auf die Herkunft seien daher gegenwärtig unmöglich."
Kurz: Genaues weiß man nicht, und es läßt sich auch nicht feststellen.
Früher hieß es doch immer: Fakten, Fakten, Fakten.
Die Zeiten sind offensichtlich vorbei, leider - mit Fakten hat diese Sache dann wohl eher nur noch weniger zu tun.
Aber es ist ein großer Aufreger, geschickt inszeniert, medial perfekt orchestriert.
Bleibt also nur noch eine Frage: Wem nutzt es?