Norbert hat geschrieben: 16 Sep 2024, 12:19Aber die steile These ist ja immer: Als Russe ist man nun in Deutschland auf der Straße fortwährend offenen Anfeindungen ausgesetzt. Und das halte ich für eine Übertreibung, allein weil 96 % der Bewohner Deutschlands einen russischsprechenden Ukrainer nicht von einem Russen auseinanderhalten können.
Halte ich auch für eine sehr steile These. Meine russische Frau hatte bisher nie Probleme. Hat auch ukrainische Kolleginnen. Sie hat einen Job mit viel Kundenkontakt und da tauchen auch oft Ukrainer auf. Nach der Erkenntnis der "Kunden" im Gespräch, dass sie Russin ist, war bisher die schlimmste Reaktion ein -ich nenne es mal so- "aha" mit freundlichem Ignorieren bzw. Nicht-Fortführung des Gesprächs danach. Offene Anfeindungen musste sie Gott sei Dank noch nicht erleben. Im Kollegenkreis ist es zwischen Russen und Ukrainern wie früher. Aber natürlich kommt das Gespräch oft auf dieses Thema inzwischen. Im Gegenteil stellt sie eher fest, dass sich viele -vor allem Männer- dafür interessieren, wie es eigentlich wirklich ist in Russland. Meine Frau hat den bisher größten Teil ihres Lebens dort verbracht und bringt daher ein anderes Bild mit als sogenannte "Spätaussiedler". Sie erfährt größtenteils Interesse und angeregte Gespräche und keinen Hass. Viele Deutsche sind gefühlt nach wie vor dem russischen Volk gegenüber grundsätzlich nicht feindlich gesinnt. Ganz im Gegenteil wird darüber berichtet, dass man gerne einmal den Baikalsee sehen würde etc. Ist aber nur unsere Erfahrung. Und wir leben im "Westen".
Natürlich gibt es aber offene Anfeindungen...so wie es in jedem Land immer einen gewissen Teil an Spinnern gibt.
Als ich das erste Mal in Russland war, kam natürlich -wie bei vermutlich jedem Deutschen- das obligatorische "Hitler kaputt". Ich habe es immer mit Humor genommen und mich gefreut, dass die Russen mir ihre deutschen Wörter entgegenschmettern, die sie halt kennen. Auch aus der Erfahrung war es nie böse gemeint, im Gegenteil. Es war wirklich immer eine herzliche Erfahrung, wenn mir nach dieser deutschen Einleitung gefühlt die Welt auf russisch erklärt wurde, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt nur rudimentärste Russischkenntnisse hatte. Ich war immer herzlich gern gesehen und wurde überall sofort als Freund aufgenommen.
Es gab aber einen Vorfall, in dem meine Herkunft ausreichte, um als Nazi zu gelten. Es war ein junger Mann. Wie gesagt, Spinner gibt es überall. Und was ist passiert? Die anderen anwesenden Russen haben mich verbal verteidigt und mit ihm argumentiert. Dazu war ich damals sprachtechnisch noch nicht in der Lage.
Was ich damit sagen will: Offene Anfeindungen gibt es, aber sie sind verschwindend gering. Das gilt für beide Seiten. Die meisten Leute haben genügend Grips in der Birne, zu differenzieren. Nicht jeder Blick ist böse gemeint. Manchmal malt man sich seine Welt auch unbewusst schlechter, als sie ist.
Dennoch verfolgen meine Frau und ich den Plan, nach Russland zu gehen. Das hat aber andere Gründe. Die gefühlten Anfeindungen hier in Deutschland sind es sicherlich nicht, da es diese zumindest bei uns nicht gibt.